Erinnern Sie sich an Ihre ersten Kinoerfahrungen?
Manthia Diawara: Meine ersten Erfahrungen machte ich in Guinea, in Kankan. Ich war ein muslimischer Knabe und ging mit den Nonnen in die Kirche, wo Filme mit Charlie Chaplin und Buster Keaton gezeigt wurden. Meine Eltern hatten Angst und nannten die Schwestern «weisse Marabus». Wir liebten es. Der erste Film, den ich dann in einem richtigen Kino sah, war «High Noon». Als ich aufwuchs, mochte ich am liebsten B-Movies, Cowboyfilme oder italienische Monumentalfilme. Erst später, in den USA, entdeckte ich das politische Kino. Aber ich sehe immer noch am liebsten die klassischen B-Movies.
Sie kennen die Situation in den USA, Frankreich und in Afrika: Hat das afrikanische Kino in diesen Ländern einen unterschiedlichen Stellenwert?
Eindeutig. In den USA gibt es rund 6000 Hochschulen, und wir unterrichten diese Filme dort. Jemand wie Sembène Ousmane konnte davon enorm profitieren, da seine Filme als afrikanischer Beitrag zur Filmgeschichte gelten und deshalb überall auf den Lehrplänen stehen. Aber diese Situation ist völlig einzigartig. In Frankreich wird zwar Geld für das afrikanische Kino bereitgestellt, und dort werden Regisseure auf die Ebene von Stars gehievt und als «auteurs » gefeiert. Die Filme werden dann noch auf den Festivals von Cannes, Berlin oder Locarno gezeigt, anschliessend aber fallengelassen. In Europa gelangen sie so nicht in den Kanon. In Afrika wiederum haben die Leute zu vielen Filmen nur Zugang, wenn sie auf TV 5 oder in den französischen Kulturzentren gezeigt werden. So haben amerikanische Studenten oft mehr afrikanische Filme gesehen als die Menschen in Afrika selbst.
Wie bewerten Sie die Lage in Südafrika?
Wir dachten, Südafrika könnte für den Rest des Kontinents zu einem Katalysator werden, aber dieser Traum ist schnell zerplatzt. In Südafrika herrscht die Erwartung, dass die Künste sich selbst zu tragen hätten. Südafrikanische Filmemacher haben es aber nicht geschafft, das Fernsehen nachhaltig für sich zu interessieren. In Südafrika konsumiert die Bevölkerung vor allem amerikanische Produkte. Nur in Nigeria hat sich eine Mittelklasse etabliert, die sich eigene Filme anschaut.
Inwiefern ändert sich durch Nollywood, die nigerianische Videoproduktion, die Situation des afrikanischen Kinos?
Nollywood hat eine neue soziale Vorstellungswelt hervorgebracht. Meine Ideale von Schönheit, Männlichkeit oder Heldentum stammten noch aus Hollywoodfilmen. Nollywood kreiert über das Starsystem neue Codes, die von den Zuschauern übernommen werden. Nigerianer wollen sich wie Schauspieler in ihren Rollen kleiden. Aber es gibt dort mittlerweile auch neue Kinosäle: Der südafrikanische Konzern Nu-Metro hat begonnen, in Nigeria und Ghana Multiplexe zu bauen. Und der ebenfalls aus Südafrika stammende Sender M-Net hat eine «Bibliothek des afrikanischen Kinos» zusammengekauft und zeigt nun auf dem ganzen Kontinent die Filme des afrikanischen Kinos im Fernsehen.
Aber ist es fair, Nollywood-Produktionen in den Kontext eines Festivals des afrikanischen Kinos zu stellen? Wäre das nicht so, wie über das amerikanische Kino zu sprechen und dann Folgen von «Dallas» oder «Denver» zu zeigen?
Ich war auf einem Filmfestival in Lagos, als der südafrikanische Film «Tsotsi» gerade den Oscar erhielt. Am Ende sagte der Minister, dass im Jahr darauf ein Nollywood-Film diesen Preis bekommen werde! Aber es stimmt, die Videos bedienen sich stark der Ästhetik der Soaps. Doch dabei entsteht auch eine neue Filmsprache. Es ist doch so: Jeder «normale» afrikanische Filmemacher will den besten Kameramann, den besten Cutter haben, die dann aus Europa kommen. Der Kameramann definiert dann die Ästhetik des Films ganz wesentlich mit. Das frankophone Kino ist also ein Festivalkino, dem das Publikum fehlt. In Nigeria hat das Video übernommen, aber ihm fehlt das Prestige, das die frankophonen Regisseure geniessen.
Unser Traum ist es, diese beiden Nicht-Kinos zusammenzubringen. Denn bei keinem von beiden stellt sich die Lust ein, sich in seinem Sessel zurückzulehnen und der Realität zu entfliehen. Die Charaktere aus den frankophonen Filmen wirken oft so distanziert, dass man mit ihnen Mitleid hat und nur ungern mit ihnen zu Mittag essen würde. Die Figuren in den Nollywood-Filmen sind dafür im Wesentlichen Schmierenkomödianten. Und jeder ist auf den anderen neidisch.
// Manthia Diawara, der Kurator des Festivals «African Screens» im Berliner Haus der Kulturen der Welt, wurde 1953 in Mali geboren. Er ist Professor für vergleichende Literaturwissenschaft und Africana Studies an der New York University und Autor des Buchs «African Cinema: Politics and Culture» (1992). Dirk Naguschewski hat sich mit ihm unterhalten.
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Im Königreich der Blinden – Ein Gespräch mit dem simbabwischen Schriftsteller Chenjerai Hove /
Chenjerai Hove, Sie sind im Übersetzerhaus Looren zu Gast, um an einer Übertragung von Shakespeares «King Lear» in Ihre Muttersprache Shona zu arbeiten. Im Blick auf die Lage in Ihrer Heimat kann die Wahl des Stücks kein Zufall sein.
Chenjerai Hove: Gewiss nicht. König Lear verkörpert für mich den Wahn des greisen Potentaten. Er beschliesst, sein Königreich aufzuteilen, aber gleichzeitig will er die Macht nicht loslassen – es ist, als gäbe er seinen Töchtern die Fahne und behielte den Staat für sich. Robert Mugabe ist in seinem Starrsinn, in seiner Unfähigkeit, sich zu verändern, ein ziemlich exaktes Spiegelbild Lears; und ein Mensch, der sich so verhält, wird in einer ähnlichen Tragödie enden. Bedenken Sie bitte: Die offizielle Inflationsrate des Simbabwe-Dollars liegt bei 231 Millionen Prozent, tatsächlich dürfte sie ein Mehrfaches betragen – jedenfalls halten wir in dieser Hinsicht den absoluten Weltrekord. Fragt man aber Mugabe nach der wirtschaftlichen Lage, dann findet er, es stehe alles zum Besten. Das Land ist kollabiert – die Schulen sind geschlossen, die Universitäten sind geschlossen, die Spitäler sind geschlossen, die öffentlichen Dienste funktionieren nicht mehr; es gibt kein Benzin, keine Nahrungsmittel, keine Medikamente, und er realisiert es nicht einmal. Er hat jeden Bezug zur Realität verloren – auch darin gleicht er Lear. Allerdings haben wir das zusätzliche Problem, dass Mugabe auf der einen Seite von Leuten flankiert ist, die unter seiner Ägide den Staat geplündert haben und ihn an der Macht behalten wollen, um dieses Geschäft in Ruhe weiterbetreiben zu können; auf der andern Seite steht eine militärische Gruppierung, das Joint Operations Command, die den Präsidenten praktisch in Geiselhaft hält. Als diese Männer junge Offiziere waren, hat Mugabe sie für seine dreckigen Geschäfte missbraucht, sie töten und foltern lassen; jetzt zwingen sie ihn, im Amt zu bleiben, weil sie wissen, dass sie andernfalls für ihre Taten zur Rechenschaft gezogen würden.
Wird Ihr «Lear» einfach eine Übersetzung sein, oder adaptieren Sie das Stück auch inhaltlich an die Verhältnisse in Simbabwe?
Das muss ich nur schon, weil die Usanzen im afrikanischen Theater anders sind: Eine «Lear»-Inszenierung in Europa dauert etwa drei Stunden, und ein afrikanisches Publikum würde mich umbringen, wenn das Stück so lange dauert. Wir machen keine Pausen, in denen die Leute Tee trinken und sich die Beine vertreten können; sie wollen zwei Stunden Theater sehen und dann nach Hause. Zudem gibt es im Drama natürlich gewisse Rituale und Elemente, mit denen ein afrikanisches Publikum wenig anfangen kann.
Ich muss also gewisse Dinge weglassen oder verändern; und dabei versuche ich insbesondere, dem Narren – der ja eigentlich ein sehr weiser Mann ist – eine prominentere Rolle zu geben. Bei gewissen Streichungen setze ich stattdessen den Narren als Kommentator ein, und ich lege ihm zentrale Passagen – über politische Systeme, über Korruption und Machtmissbrauch – in den Mund.
Die literarischen Arbeiten, mit denen Sie in den achtziger und neunziger Jahren bekannt wurden, sind stark von der Sprache und Erfahrungswelt Ihrer Heimat geprägt. Seit 2001 leben Sie im Exil; wie hat sich das auf Ihr Schreiben ausgewirkt?
Das Exil kann viel Schaden anrichten, es kann aber auch Gutes mit sich bringen. Man wird in die Lage versetzt, seine Bilder und Metaphern in Frage zu stellen und zu überprüfen, weil man das eigene Land mit anderen Augen sieht. Und – schauen Sie, zum Beispiel diese Schneelandschaft da draussen: Angesichts solcher Dinge muss man eine ganz neue Sprache entwickeln, eine andere Sprache, um fremde Dinge zu benennen. Im norwegischen Stavanger, wo ich Asyl gefunden habe, packte mich einmal das Heimweh nach meiner Mutter; ich schrieb ihr einen Brief, obwohl sie weder lesen noch schreiben kann – er ist dann in der Lokalzeitung von Stavanger erschienen. Ich versuchte, ihr von dem Leben zu erzählen, das ich hier führe; aber wie sollte ich ihr Schnee erklären, wenn sie nie welchen gesehen hat? Ich musste mich ganz auf die Sache einlassen, spezifische Details finden. Ich schrieb ihr, wie teuer das Leben hier ist – dass ein Glas Bier gleich viel kostet wie bei uns eine Ziege. – Ich habe auch das Umgekehrte versucht: Stavanger hatte gegen Ende des 19. Jahrhunderts einen Bürgermeister, Alexander Lange Kjelland, der zudem ein bekannter Schriftsteller war. Ich habe mir vorgestellt, wie ich ihn durchs heutige Stavanger führe und ihn frage: «Erkennen Sie Ihre Stadt noch? Sie waren hier Bürgermeister, bevor Stavanger zur Erdölmetropole wurde. Hier – wissen Sie noch? –, hier haben die Leute einst Schweine auf offener Strasse verkauft.» Als ich diesen Artikel ebenfalls zum Druck vorlegte, sah mich der Redaktor schräg an und fragte: «Denken Sie wirklich, dass wir so sind?» – «Das ist, was ich gesehen habe», antwortete ich. Die Zustände in Simbabwe hingegen sind mittlerweile vermutlich sogar in den Augen eines Schriftstellers unbeschreiblich. Wissen sie, Simbabwer sind nicht gewohnt zu betteln. Sie sind nicht gewohnt, aufs Minimum reduziert zu werden. Simbabwer arbeiten hart, und sie möchten dafür angemessen entlohnt werden. Aber diese Regierung hat sie zu Minimaljobs verdammt. Der Junge, der die Passagiere für ein klappriges Gemeinschaftstaxi zusammensucht, hat schon ein kleines Königreich. Der Strassenverkäufer hat ein kleines Königreich. Das entspricht uns nicht, wir möchten richtige Arbeit.
Denken Sie, dass sich mit der neuen Regierung etwas ändern wird?
Ich finde es beängstigend, dass Morgan Tsvangirai Mugabe vertraut. Mugabe hätte 15 Minister nominieren dürfen, er kam mit einer Liste von 22 an. Er ist ein Mann, der seine eigene Unterschrift nicht respektiert, was er heute unterzeichnet, ist morgen Makulatur. Tsvangirai ist eine Zweckehe eingegangen, aber ich sehe noch nicht, was dabei Gutes herauskommen kann. Anderseits – die Not im Land ist entsetzlich, wir haben über 3000 Choleratote. Was hätte er anderes tun können? Zynischerweise spielt der Entscheid Mugabe sogar in die Hände. Mugabe braucht einen Anstrich von Legitimität, dann kommen auch die Unterstützungsgelder wieder ins Fliessen, und die Plünderung der Staatskasse kann weitergehen. Wegsehen ist einfacher.
Mugabe galt einst als Hoffnungsträger des unabhängigen Afrika. Wie konnte es so weit kommen?
Im Kern war das, was Sie heute sehen, schon immer da. Mugabe ist über Leichen gegangen, um an die Macht zu kommen, er hat andere führende Persönlichkeiten der Befreiungsbewegung ins Gefängnis werfen oder verschwinden lassen. Aber man zog es vor, diesen Dingen keine Beachtung zu schenken. Ich habe in den achtziger Jahren versucht, westliche Diplomaten auf die Massaker in Matabeleland anzusprechen. «Wir können da nichts machen», hiess es, «wir wollen doch Mugabe als Modell für andere afrikanische Staaten aufbauen.» So hat man seine Untaten einfach unter den Teppich gekehrt, weil man gerade einen Helden brauchte. Mit dem Gedächtnis lässt sich allerhand anstellen: Wenn Sie an die Hitlerzeit denken, an Mussolini, Pinochet – da hat es nachher immer Leute gegeben, die sagten: «Ach, wir hatten keine Ahnung, was da vor sich ging.»
Simbabwe hatte einmal ein blühendes Kulturleben, beherbergte die wichtigste Buchmesse Schwarzafrikas. Was ist davon geblieben?
Nur noch ein Fake. Das Propagandaministerium organisiert Anlässe und bezahlt die Künstler für Loblieder auf den Präsidenten. Wir haben eine Kultur der Lobhudelei, die viele Künstlerkarrieren verbogen hat – das ist eine der Tragödien der Diktatur, und das Schlimmste ist, dass so viele Menschen nicht rechtzeitig merken, was passiert. Eine Diktatur ist nicht einfach von heute auf morgen da, man sieht doch, was im Anzug ist – aber als ich in den achtziger Jahren die Leute zu warnen versuchte, hiess es immer, ich sei einfach allzu kritisch gegenüber der Regierung. Mittlerweile leben vier bis fünf Millionen Simbabwer im Exil, und die Regierung sagt, das sei ihr wurst, sie wolle nur Bürger, die sie unterstützen. Es ist unglaublich. Dieses einst blühende Land – so verwüstet.
/ Der 1956 geborene Chenjerai Hove hat die Tragödie seines Heimatlandes in seinem Schaffen und auch in der Öffentlichkeit als kritische Stimme begleitet; seit 2001 lebt er im Exil. Die NZZ traf ihn zum Gespräch im Übersetzerhaus Looren, wo Hove derzeit als Stipendiat arbeitet. Die Fragen stellte Angela Schader.
// Diesen Artikel finden Sie auf NZZ Online unter: http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/aktuell/im_koenigreich_der_blinden_1.2030349.html
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