Dass die gegenwärtige Popkultur mehr denn je eine der Unterwerfung im schlechten Sinne geworden ist, ist kein Geheimnis. Im Zentrum einer nahtlosen und repressiven Verdinglichung steht das Individuum-mit-Geschmack-und-Fetisch. Auch in dieser Situation ist ihr Gegenteil mit angelegt: Es stehen so viele Sounds und Praktiken technisch, virtuell zur Verfügung, so viele Möglichkeiten, entweder über Geheimsprachen oder über physische und psychedelische Effekte diese Subjektivierungsmaschinen zu unterlaufenund zu umgehen. Eine kulturpessimistisch spitz zulaufende Diagnose ist genauso wenig möglich wie die dumme Entwarnung, dass man auf Ideologiekritik verzichten kann.
Wenn aber heute irgendwo ein Handy klingelt und auf diese Weise nicht nur ein meist ohnehin schon zeimlich wacher junger Mensch noch etwas wacher wird, passiert noch etwas Anderes: Wir hören einen für eineinhalb Dollar erworbenen neuen Eminem-Song als Klingelzeichen, der junge Mann wird zum Radio, zu einer Komponente unserer üblichen Beschallung mit populären Ideen und Bewegungen. Der Klingelton weckt also nicht ihn, sondern uns. Wer sich früher – und heute – per Outfit, Frisur, Habitus, Gang und Geruch mitgeteilt hat, also lauter weitgehend visuellen, kontinuierlichen und tendenziell unaufdringlichen, den Tagtraum nicht unterbrechenden Zeichen öffentlich ausgedrückt hat, tut dies heute, indem er diesen Traum ständig unterbricht – und durch das Ständige dann auch nicht unterbricht. So wie das uns betreffende Klingeln auch immer nur eine neue Funktion unserer Person eröffnet oder abruft, die ohnehin schon die ganze Zeit funktionalisiert ist, sagt der Klingelton auch die ganze Zeit nur das, was die anderen Zeichen auf sanftere Weise auch schon gesagt haben, das Lieblingswort aller Mittags-Talkshows: I-den-ti-tät. Dabei klingen – und das ist dramatisch – der Weckruf an das Subjekt und der Ruf, mit dem es sich zu behaupten und auf sich aufmerksam zu machen versucht, genau gleich. Es gibt, was sich schon in den neuen Musikformen ankündigte, den Unterschied zwischen Wachen und Träumen nicht mehr. Beide hören sich gleich an, und nur noch der Modus der Unterbrechung ist geblieben, um uns vorzutäuschen, dass es den Unterschied noch gibt, dass es das Glück noch gibt, aus dem einen eine kalte Welt wecken will. Dabei ist man die ganze Zeit wach – potenziell im guten wie im schlechten Sinne. Aber draußen klingelt die ganze Zeit die Pseudoindividualität. Lass uns doch mal zurückrufen.
/ Von Diedrich Diedrichsen.

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